Depressionen

Im Rahmen einer Weiterbildung referierte ein Arzt kürzlich u.a. über Depressionen. Er führte dabei aus, dass die Zunahme dessen einerseits in direktem Zusammenhang mit sinkender Resilienz steht, vorallem aber auch mit einer weit verbreiteten Form von Gottlosigkeit. Seine Worte haben mich tief berührt und zum Nachdenken angeregt, weil sie so viel Wahrheit in sich trugen, und gänzlich meinen Beobachtungen entsprechen. Mit Gottlosigkeit ist weder Religion, noch Dogma, und auch nicht Glaubenssystem gemeint – sondern ein seelischer Zustand. Eine innere Basis, die vielen verloren gegangen ist.

 

Menschen, die wissen, wofür sie leben, ihren Sinn spüren, und ihre innere Richtung kennen, werden deutlich seltener depressiv. Wer sich als Teil eines grösseren Prozesses erlebt und spürt, dass sein Leben Bedeutung hat, zerbricht nicht so leicht an Schmerz. Krisen bleiben Krisen – doch sie entwerten nicht die eigene Existenz. Solche Menschen fühlen sich eingebettet in etwas, das nicht von äusseren Umständen abhängt, sondern von innen her Orientierung schenkt.

 

Es ist trügerisch zu glauben, Depression sei primär ein biologisches Problem, das man einfach medikamentös ausgleichen kann. Es gibt diese seltene Form von Depression, bei der das indiziert ist, meistens handelt es sich jedoch um ein reaktives Geschehen. Und ja, Medikamente können auch hier in akuten, schweren Phasen helfen, die Symptome abzufedern, aber: Sie geben keinen Sinn. Sie schaffen keine Verbindung. Sie ersetzen keine menschliche Wärme. 

 

Die meisten Menschen, die depressiv werden, leiden nicht an einem Mangel an Serotonin – sie leiden an einem Mangel an Zugehörigkeit und an einem tiefen Mangel an innerer Verbundenheit. Was sie brauchen sind Gespräche, die nicht aus Diagnosen bestehen, sondern aus Liebe. Begegnungen, in denen sie sich wirklich gesehen fühlen. Räume, in denen sie ohne Bewertung existieren dürfen. Menschen, die ihnen das Gefühl geben, dass ihr Sein Bedeutung hat, auch wenn sie gerade keinen Zugang dazu finden.

 

Depression ist psychologisch betrachtet oft ein Ruf der Seele – eine gestockte Lebenskraft, ein Hinweis darauf, dass ein Mensch zu weit von seinem inneren Sinn entfernt wurde. Man könnte sagen: Depression ist die Sehnsucht nach einem verlorenen inneren Zuhause. Sie zeigt, wie tief wir Verbindung brauchen, um psychisch gesund zu bleiben – Verbindung zu uns selbst, zu anderen Lebewesen, und letztlich eben auch zu dem, was grösser ist als wir. 

 

Heilung geschieht nicht durch äussere Massnahmen allein, sondern durch die Rückkehr zu dieser inneren Basis. Zu einer Form von Spiritualität, die nichts mit Religion zu tun hat, sondern mit einem Gefühl von Sinnhaftigkeit und persönlicher Einbettung ins Leben. Wenn ein Mensch wieder spürt, dass er nicht allein ist, dass sein Leben einen Platz und eine Bedeutung hat, beginnt die Schwere sich zu lösen. Nicht plötzlich, aber spürbar. Alles beginnt mit Verbindung – und mit der Rückkehr zu dem, was unser Herz im Innersten hält.

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