Grenzverletzungen

Wenn eine Grenze überschritten wird, gleitet etwas in uns nach innen. Es zieht sich zusammen und wird unsichtbar. Der Körper hält den Atem an, der Verstand baut Erklärungen auf, Gefühle sinken in einen tiefen See, und Schuld sammelt sich wie ein feiner Staub auf Stellen, die nie schuld waren - "hätte ich" und "wäre ich". Oft wird erst viel später spürbar, dass eine Grenze verletzt wurde. Nicht selten dann, wenn das Leben wieder etwas fordert, das wir "aushalten müssen" – etwa Krankheit, Überforderung, emotionale Belastung, oder Verantwortung für andere. Dann berührt die Gegenwart plötzlich jene alten Schichten, die nie Worte fanden, aber immer noch in uns schwingen.

 

Menschen haben Grenzen – und wenn diese verletzt werden, ist die Reaktion darauf kein Zeichen von Schwäche, sondern von Integrität. Deshalb ist es mir unglaublich wichtig zu betonen - egal wie alt jemand war, egal in welcher Situation, egal ob ein „Ja“ ausgesprochen wurde, obwohl der Körper „Nein“ meinte, egal ob jemand verwirrt, überfordert, blockiert oder einfach nur müde war, und egal wie laut oder leise jemand war, ob er bleiben, schweigen oder nachgeben musste: Ohnmacht ist keine Zustimmung, Erstarrung ist keine Entscheidung, und Nachgeben ist kein Einverständnis! Wir tragen keine Schuld an dem, was andere über unsere Grenze hinweg getan haben. Das Spüren der eigenen Verletzung ist nichts anderes als der Beweis dafür, dass etwas Wertvolles im Inneren unversehrt geblieben ist: die eigene Wahrnehmung und Würde.

 

Wahrhaftigkeit braucht jedoch Raum in beide Richtungen. So, wie echte Grenzverletzungen gesehen werden müssen, braucht es auch Achtsamkeit dafür, dass Erinnerungen sich mischen können, dass Verletzlichkeit manchmal zu Deutungen führt die später nicht mehr tragen, oder dass im Echo einer Erfahrung Bilder entstehen können, die nicht der tatsächlichen Situation entsprechen. Integrität bedeutet also nicht nur, das Erlittene ernst zu nehmen, sondern auch, behutsam mit der eigenen Wahrnehmung umzugehen, und niemandem etwas zuzuschreiben, was so vielleicht nie geschehen ist. 

 

Heilung entsteht dort, wo Wahrheit und Verantwortung miteinander sprechen dürfen. Ohne Beschönigung, aber auch ohne voreilige Verurteilung. Dort, wo Körper, Gefühl und Verstand langsam wieder zueinanderfinden dürfen - so, dass es sicher ist. Durch behutsames Wieder-Fühlen, durch Grenzen die jetzt gehalten werden, und durch Beziehungen, in denen wir nicht mehr übergangen werden. Und mit jedem einzelnen Moment, in dem wir mit uns selbst ehrlich sind, kehrt ein grosses Stück Selbstbestimmung zurück. 

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