Obwohl ich gerne Alkohol trinke, merke ich immer mehr, wie sehr „er“ mich auch triggert. Auch ich hatte in meiner Jugend eine Phase, in der mein Konsum nicht ausschliesslich dem Genuss galt. Diese endete jedoch irgendwann. Mittlerweile ist es schon zig Jahre so, dass der Kater danach höchst selten mehr Einzug hält - und wenn er es tut, dann reflektiere ich darüber, was in mir gerade nicht in Balance ist. Hingegen stelle ich fest, dass dieses Phänomen - insbesondere bei Männern - oft anhält: sie trinken weiterhin bis zur Selbstauflösung. Alkohol ist die gesellschaftlich akzeptierte Betäubung, und genau das ist meiner Ansicht nach höchst alarmierend; denn so finden sie immer wieder eine Legitimation sich weg zu trinken.
In mir löst das - je älter ich werde desto mehr - tiefes Unbehagen aus. Es erschüttert mich, wenn Alkohol genutzt wird, um innere Zustände wie Leere, Überforderung, innere Unruhe, nicht gelebte Traurigkeit und unterdrückte Wut zu dämpfen. Es macht mich betroffen, wenn der Körper damit überstimmt, das Nervensystem sediert und die Selbstwahrnehmung ausgeschaltet wird. Und es ist genau das, was mich - und ganz viele erwachte Frauen - extrem abstösst: die emotionale Abwesenheit, die damit einhergeht. Dieses "Nicht-da-Sein", das Sichentziehen aus dem eigenen Körper, aus der Verantwortung und aus echter Begegnung. Die bewusste Frau versteht, dass sie hier diejenige wäre oder ist, die fühlt, hält, und reguliert - und ist dazu früher oder später nicht mehr bereit.
Während jegliche Form von Genuss die Wahrnehmung verstärkt und die Präsenz erhöht, unterbricht Betäubung sie komplett und endet in Abwesenheit: Der Mensch verschwindet in seinem Rausch. Exzessives Trinken erzählt ganz schön viel über emotionale Reife, über Selbstregulation und über die Fähigkeit, sich selbst auszuhalten. Ich habe Mitgefühl für solche Menschen, aber ich habe meine klare Meinung dazu, und möchte meine Energie nicht in Räume geben, in denen Nähe durch Rausch ersetzt wird. Ich will mich mit Menschen umgeben, die präsent sind und den Mut haben, sich selbst zu begegnen. Mit solchen, die bereit sind, hinzuschauen und Verantwortung für ihre inneren Zustände zu übernehmen. Mit denen, die an sich arbeiten – nicht aus Selbstoptimierungsdrang, sondern aus Selbstachtung.
Jeder Mensch ist dazu in der Lage, ein Bewusstsein zu bilden, mit dem er sich selbst nicht mehr ständig betäuben muss, um das Leben auszuhalten. Diese Entwicklung ist nicht linear, und jedes Individuum hat seine Phasen. Es geht nicht um Perfektion, sondern um das grundsätzliche Ja dazu, sich zu spüren – auch dann, wenn es unbequem wird. Also lade ich auch dich ein: Wähle Verbindung statt Betäubung, Bewusstsein statt Wegdriften, und bleib; bei dir selbst und bei Menschen, die DICH erkennen.