In belastenden Phasen meines eigenen Lebens werde ich oft gefragt, ob es mich nicht manchmal nerve, mich mit den Sorgen meiner Klientel zu beschäftigen – gerade dann, wenn diese im Vergleich zu meinen eigenen Herausforderungen vermeintlich „klein“ erscheinen. Die ehrliche Antwort darauf lautet: Nein, ganz im Gegenteil. Natürlich finde ich, dass es im Sinne der Demut und der inneren Einordnung durchaus heilsam sein kann, das eigene Leid gelegentlich in Relation zu dem anderer zu betrachten. Es kann helfen, Perspektiven zu öffnen und Dankbarkeit zu kultivieren. Doch gleichzeitig wird es heikel, wenn wir beginnen, Gefühle und Erfahrungen dadurch abzuwerten oder nicht mehr ernst zu nehmen. Schmerz ist nicht messbar, und jedes Empfinden verdient Raum und Mitgefühl – unabhängig davon, wie es im Vergleich wirkt.
Während meiner Arbeitszeit gelingt es mir meist sehr gut, meine eigenen Sorgen bewusst beiseite zu legen. Nicht aus Verdrängung, sondern aus Präsenz. In dem Moment, in dem ich mich ganz auf mein Gegenüber einlasse, bin ich da – klar, offen und mitfühlend. Es tut mir oftmals sogar gut, mich für eine Weile um die Themen anderer Menschen zu kümmern, statt ständig um meine eigenen zu kreisen. Es schenkt mir Abstand, Perspektive und manchmal - vielleicht überraschenderweise - auch eine stille Erleichterung. Immer wieder wird mir dadurch auch bewusst, wie unterschiedlich unsere Ausgangslagen im Leben sind. Wir alle tragen unsere ganz eigenen Geschichten, Prägungen, Verletzungen und Ressourcen in uns. Nicht jeder startet mit denselben Voraussetzungen – emotional, familiär, gesundheitlich oder gesellschaftlich. Ich empfinde in solchen Zeiten deshalb vielmehr Dankbarkeit als Genervtsein, weil mich meine Ausgangslage so tragfähig in meiner Rolle als Therapeutin macht.
Meine hohe Belastbarkeit verdanke ich nicht der Tatsache, dass ich nichts fühle, sondern meiner Erlaubnis alles zu fühlen. Ich unterdrücke meine Emotionen nicht, ich gehe durch sie hindurch. Ich nehme sie ernst, halte sie aus, lerne aus und heile an ihnen. Diese Fähigkeit schenkt mir Tiefe, Mitgefühl und ein echtes Verständnis für die Prozesse anderer Menschen - und sie bezeugt immer auch wieder, wie verletzlich und zugleich stark ich bin. Meine eigenen Krisen haben mich nie verhärtet, sondern stets weicher gemacht. Sie zeigen mir, wie wichtig es ist, gesehen zu werden, Raum zu haben und nicht bewertet zu werden. Und genau das gebe ich weiter: einen sicheren Ort, an dem immer alles da sein darf.
So empfinde ich die Arbeit mit meiner Klientel nicht als zusätzliche Last, sondern als sinnstiftend, verbindend und sogar stärkend. Sie erinnert mich tagtäglich und ganz besonders in eigenen düsteren Zeiten daran, warum ich diesen Weg gewählt habe: weil Heilung möglich ist, weil Begegnung trägt und weil wir uns gegenseitig durch unsere dunkelsten Phasen begleiten können. Und wahrscheinlich sind wir nicht trotz unserer eigenen Wunden gute Begleiter, sondern eben gerade wegen ihnen.