In Phasen von starker innerlicher Anspannung kann es passieren, dass unser Klardenker - der präfrontale Kortex - offline geht, und wir nur noch zwischen Flucht, Kampf und Erstarrung hin- und herswitchen. Wir funktionieren dann zwar noch, aber es fühlt sich vielmehr nach Überleben als nach Leben an. Dauern solche Phasen länger an, und findet keine ausreichende Regulation statt, droht das System früher oder später zu kippen, und der Nährboden ist ideal für chronische Geschichten. Es ist also unabdingbar, dass wir über hauseigene Regulationsmöglichkeiten verfügen, und diese frühzeitig nutzen. Gerade dann, wenn wir uns in Gegebenheiten wiederfinden, in denen wir nichts mehr tun können, ist es zentral, alles zu fühlen ohne aber darin zu versinken. Regulation bedeutet in diesem Kontext, das System wieder in einen Zustand zu bringen, in dem es sich sicher genug fühlt, um die Belastung überhaupt verarbeiten zu können. Es gibt grundsätzlich zwei Wege: über uns selbst und über andere.
Die Selbstregulation umfasst alle Prozesse, über die wir direkt auf unser Nervensystem einwirken. In Phasen, in denen vieles unsicher ist, kann Struktur eine gewisse Stabilität signalisieren. Auch die bewusste Hinwendung zum eigenen Körper und zur eigenen Gesundheit durch Schlaf, Ernährung und körperliche Aktivität ist ein direkter Einflussfaktor auf die Regulationsfähigkeit. Es kann zudem helfen, sinnstiftend zu handeln und sich um etwas zu kümmern, das beeinflussbar ist. All diese Interventionen verändern die belastende Situation zwar nicht, aber sie vermitteln dem System, dass es handlungsfähig ist: uns das ist eines der stärksten Gegengifte für das Gefühl von Ohnmacht. Neben der Selbstregulation spielt auch die Co-Regulation eine entscheidende Rolle. Sie kann durch Gespräche entstehen, durch körperliche Nähe, durch das Zusammensein mit einem vertrauten Menschen oder auch durch die Verbindung zu einem Tier. Entscheidend ist dabei nicht der Inhalt der Interaktion, sondern der Zustand, den sie in uns auslöst. Ein reguliertes Nervensystem kann ein dysreguliertes Nervensystem mittragen und stabilisieren.
Regulation bringt das Nervensystem aus dem Zustand des reinen Reagierens zurück in einen Zustand des aktiven Teilnehmens. Wir sind nicht mehr ausschliesslich ausgeliefert, sondern wieder in Beziehung mit uns selbst und unserer Umwelt. Das ist die Voraussetzung dafür, dass unser System nicht im Überlebensmodus stecken bleibt. Regulation ermöglicht es uns, auch in herausfordernden Phasen innerlich beweglich zu bleiben, anstatt starr zu werden. Langfristig entscheidet nämlich nicht die Intensität der Belastung darüber, ob ein System Schaden nimmt, sondern die Frage, ob es zwischendurch immer wieder Wege zurück in die Regulation findet.