Wegwerfen oder Kintsugi?

Wer von euch bringt sein verkratztes, altes und kaputtes Handy noch zur Reparatur, wenn er doch bei der erstbesten Gelegenheit ein günstiges und neueres Modell erwerben kann? Verständlicherweise ein verschwindend kleiner Anteil. Leider sind wir aber immer mehr auch in immateriellen Angelegenheiten eine Wegwerfgesellschaft, was vor allem in unseren Beziehungen offensichtlich wird. Menschen, die sich zwischen der Bereitschaft zur Selbstreflexion und dem scheinbar einfacheren Weg entscheiden müssen, wünschen sich ein objektives Kriterium, was denn nun «richtig» oder «falsch» sei. Das lässt sich jedoch meist erst nach der Investition in die Beziehung herausfinden, und so ist auch hier die Versuchung gross, den Partner gegen ein neues Modell auszutauschen. In gewisser Weise eine nachvollziehbare Reaktion, denn wenn etwas in die Brüche zu gehen droht, das uns wichtig ist, haben wir manchmal das Gefühl, selbst auseinanderzufallen. Ein unschönes Gefühl, dass wir möglichst umgehen wollen. So scheint es vordergründig einfacher, sich im Selbstmitleid versinkend handlungsunfähig zu machen, oder sich durch etwas Neues abzulenken, richtig? Ebenso gross ist dann halt aber auch das naive Erstaunen, wenn sich herausstellt, dass sich die Geschichte wiederholt. Plötzlich tauchen dieselben Probleme auf, die schon beim  «Vorgängermodell» für Frust gesorgt haben. Eine Sache oder ein Mensch wurde zwar ausgewechselt, nicht aber die Probleme im Hintergrund. Irgendwann kommt dann schliesslich der Punkt, an dem wir glauben, nicht mehr lieben zu können, weil unser Herz gebrochen wurde. Welch ein trügerischer Rückschluss. Jedem von uns ist schon einmal ein Glas zerbrochen, und ich bezweifle, dass irgendjemand versucht hat, erneut aus diesem Glas zu trinken. Aber hat irgendjemand aufgehört, Wasser zu trinken, nur weil ein Glas zerbrochen ist?! Kaum. Verstehst du, Liebe ist allgegenwärtig, und es ist absolut unmöglich, nicht lieben zu können.

Ganzheitliche Psychosoziale Beratung Sara Vercellone - Blog
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Die Wahrheit ist, dass wir nicht der Bruch sind. Wir fallen niemals auseinander, wir formen uns höchstens neu. So liegt hinter jedem Bruch immer auch eine Chance. Es geht einzig und allein darum, die Schönheit im Vergänglichen, Alten oder Fehlerhaften zu verstehen, und alles, was wir dazu tun müssen, ist unseren Fokus bewusst anders auszurichten; raus aus dem Mangel, rein in die Fülle. Das heisst nichts anderes als einfach nur wahrzunehmen, was tatsächlich ist, und nicht nur, was eben nicht ist. Sobald wir uns ans Licht stellen, können wir erkennen, was hinter unserem Mangelbewusstsein steckt. Hier zeigen sich unsere wahren Gefühlen, die damit im Zusammenhang stehen. Wenn wir diesen schliesslich Ausdruck verleihen, können wir nach und nach die Leichtigkeit des Seins wiedererlangen. Es ist der Ort, an dem wir die wahren Antworten auf unsere Fragen bekommen, fernab von objektiven Kriterien und von «richtig» oder «falsch». Die Unfähigkeit oder der Unwille Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, ist nichts anderes als eine Form der emotionalen Tyrannei, und nicht eine Möglichkeit, die Intimsphäre zu schützen, wie viele vielleicht denken. Sich zu offenbaren macht zwar immer verletzlich, aber genau das vertieft jede Beziehung; die zu sich selbst und die zu Mitmenschen. Indem wir dieses beziehungsfördernde Risiko eingehen, stärken wir letztlich also das Band der Liebe.

In China hat man aus dieser Überzeugung Kunst erzeugt, die Technik nennt sich Kintsugi (=Goldverbindung). Etwas Zerbrochenes wird durch eine aufwändige Restauration wieder zusammengesetzt und die Zerbrochenheit wird dekorativ mit Gold in den Vordergrund gestellt. Eine einst zerbrochene Schale ist demnach nicht minder wert, als eine makellose und neuwertige Schale, ganz im Gegenteil. Durch die Restauration erlangt sie eine einzigartige Schönheit, deren Wert kaum einschätzbar ist. So ist es auch bei uns. In unserer Zerbrochenheit liegt, wenn wir uns wirklich darum kümmern, am Ende immer auch unsere Kraft und unsere vollkommene Schönheit. In jedem von uns. Wir dürfen demnach den Mut haben, uns voll und ganz zu offenbaren. Es kann nichts passieren, wir können nur gewinnen. Und wenn wir verwundet werden, lasst uns einfach Kintsugi machen mit dieser Zerbrochenheit. Wenn wir nämlich durch das Licht Gold in unsere Wunden streuen, entstehen Narben, die alles andere als hässlich sind. Sie sind eine Erinnerung an schmerzliche Zeiten, die wir überlebt haben, zeigen uns unsere Stärke, wie auch unsere Verwundbarkeit. Sie erinnern uns daran, wie menschlich wir sind - in jeder Hinsicht. 

Für was entscheidest du dich jetzt: Wegwerfen oder Kintsugi? Ich wünsche mir für dich, dass deine Antwort Kintsugi lautet, und dass du dadurch immer wieder erfahren darfst, wieviel Kraft, Liebe und Schönheit in dir schlummert, die nur darauf warten, gelebt zu werden. DU bist ein absolut einzigartiges und unendlich wertvolles Kunstwerk, und es ist deine freie Entscheidung, in jedem Moment deines Seins, ob du dich über den Mangel oder über die Fülle definierst. Ich weiss, dass es nicht immer einfach ist, sich selbst als einzigartig und wertvoll anzusehen. Das ändert aber nichts daran, dass du das bist. 

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