Utopie vom perfekten Leben

Ganzheitliche Psychosoziale Beratung Sara Vercellone - Blog Perfektes Leben
Ganzheitliche Psychosoziale Beratung Sara Vercellone - Blog Perfektes Leben

Vermutlich sehnen sich alle Menschen in gewisser Weise nach Beständigkeit. Diese Sehnsucht wirkt sich vor allem auf die drei grossen Bereiche «Beruf», «Beziehung» und «Wohnen» aus. Ich selbst habe in meinem eigenen Leben die Erfahrung gemacht, dass ich mir ein Ankommen in diesen drei Bereichen zwar wünsche, es jedoch bisher schlecht aushielt, wenn alles gleichzeitig stabil war - weil ich eben doch im einen oder anderen Bereich nicht ganz zufrieden war. Dasselbe Phänomen beobachte ich auch bei ganz vielen anderen Menschen. Als ich begonnen habe, dies zu begreifen, war ich zunächst erschüttert über diese Erkenntnis; letztlich würde dies ja bedeuten, dass wir in einem Widerspruch leben. In der Auseinandersetzung mit der Frage, um was es wirklich geht bei diesem Streben nach Beständigkeit und konträrem Handeln, drängte sich der Verdacht in mir auf, dass es mit der weitverbreiteten Sucht nach dem perfekten Leben zu tun haben könnte. Wir alle werden laufend zugekleistert mit Idealen. Überall wird uns aufgezeigt, wie der perfekte Mensch mit dem perfekten Leben sein sollte, und wie eben nicht.

 

Dieser idealisierte Mensch hat einen soliden Lebenswandel. Er absolviert eine gute Ausbildung, steigt die Karriereleiter hoch, lernt irgendwann seinen Partner fürs Leben kennen, kauft sich Eigenheim ganz nach seinem Gusto, heiratet und gründet eine eigene Familie. Er scheint ziemlich beständig und lebt das pauschalisierte und idealisierte Glück - oh happy life! Was nun aber, wenn das eigene Leben irgendwie anders verläuft?! Dann bleibt da wohl diese Sucht nach dem vermeintlich beständig-perfekten Leben, und bisweilen lebt man dadurch eben in einem Zwiespalt zwischen dem, was man will (oder zumindest wollen sollte), und dem, was tatsächlich ist. Wir befinden uns also in einem Teufelskreis geprägt von Mangelbewusstsein, in dem wir komplett verkennen, dass jeder Mensch mit seinem eigenen Leben sehr individuell ist, und Glück sehr vielseitig sein kann. Ich glaube, dass unsere Seele immer weiss, was sie nährt, und das wird sie auch finden, wenn wir das Leben ein Stück weit einfach geschehen lassen. Durch diese menschliche Sucht verpassen wir das jedoch, und so verhindern wir auch, dass uns intuitiv zufliessen könnte, was uns wirklich entspricht. Wir sind so krampfhaft bemüht irgendwo anzukommen, dass wir völlig vergessen dort anzukommen, wo wir tatsächlich wirklich ankommen können, nämlich bei uns selbst. In unserer Seele. Der einzige Ort auf der ganzen Welt, der beständig ist und bleibt.

 

Wenn wir beginnen, die Arbeit mit uns selbst zu unserer wichtigsten Herausforderung zu machen, sodass wir uns in uns selbst wirklich Zuhause fühlen, und unseren Körper als Tempel unserer Seele betrachten, stärken wir die vorerst allerwichtigste Beziehung in unserem Leben, nämlich die zu uns selbst. Wenn wir bei uns ankommen, fühlen wir uns in fast jedem Zuhause wohl, unsere Karriere ist nicht mehr das Nonplusultra, und die Fähigkeit zu lieben ist nicht mehr abhängig von einem Gegenüber. Es sind jene Momente, in denen wir das Gefühl haben, wirklich anzukommen - auch wenn um uns herum vieles besser sein könnte, und sich weiterhin alles immer wandelt. Das ist das Leben, das ist das ununterbrochene Drehen der Welt. «Nichts ist so beständig wie der Wandel», sagte der griechische Philosoph Heraklit bereits damals, vor über 2500 Jahren. Der Wandel trägt massgeblich zu unserer Entwicklung bei, und dazu sind wir da. Es sind die wiederkehrende Prozesse von Festhalten und Loslassen, die unser Leben zeichnen, und irgendwo zwischen diesen Polaritäten lebt die Perfektion, die sich manchmal von ihrer allerschönsten Seite zeigt. Aber eben nur manchmal, und oft nur für den Hauch eines Augenblicks. Wirklich perfekt ist das Leben also nie. Aber es gibt immer wieder Momente und Menschen, die es über kurz oder lang perfekt machen. Unser Streben nach dem beständigen und perfekten Leben entpuppt sich demzufolge als reine Utopie, denn auch Perfektion hat in Tat und Wahrheit absolut keine Beständigkeit. 

 

Ich persönlich habe mittlerweile akzeptiert, dass ich immer wieder von Zeit zu Zeit den Drang nach Veränderung in einem dieser drei grossen Bereichen verspüren werde. Ich stelle nicht mehr die Anforderung an mich, in allen drei Bereichen langfristig ankommen zu müssen, jedoch auch nicht, mich nicht mehr danach sehnen zu dürfen. Umso mehr freue ich mich, wenn ich das Gefühl des Ankommens in mir verspüren darf. Immer dann, wenn es sich für mich persönlich - fernab von Idealen - gerade einfach perfekt anfühlt. Und es spielt keine Rolle für wie lange. Wichtig ist nur, dass es da ist. Und wenn dann dieser Drang nach Veränderung wieder langsam in mir aufkommt, verstehe ich dies vorerst als Zeichen, dass es mal wieder Zeit ist für eine vertiefte Innenschau. Nur allzuoft braucht es nämlich gar keine Veränderung im Aussen, sondern lediglich das sorgfältige Überprüfen eigener Glaubenssätze und Werte, das Einnehmen einer anderen Perspektive, und das bejahende und vertrauensvolle Zulassen, dass das Leben auch ohne unser Zutun einfach geschieht. Ich versuche dann vom Festhalten ins Loslassen überzugehen. Einfach sein zu lassen, ohne nach etwas zu greifen.

 

Wenn ich aber in diesem Prozess spüre, dass es dennoch Zeit für Veränderung ist, so weiss ich jetzt auch, dass die jeweilige Zerstörung immer auch der Weg zu einem erneuten Wandel ist. Es ist egal, wie oft wir uns und unser Leben eigenmächtig dem Wandel aussetzen, denn vielleicht machen wir es dadurch gar nicht chaotisch, vielleicht ist das nur die Welt. Lasst uns darauf vertrauen, dass unabhängig davon, wie stark etwas nach einer Zerstörung in Trümmern liegen mag, alles immer wieder einen Weg finden wird, um neu zu entstehen. Denn das tut es, und niemand muss es hinnehmen, unglücklich zu sein, nur aus Angst vor Veränderung. Und vielleicht passiert es uns dann plötzlich, irgendwann und irgendwie, dass wir in allen Bereichen sesshaft werden. Lediglich noch gefasst auf den Wandel der Zeit. Vermutlich dann, wenn wir lernen, dem Ruf unserer Seele immerwährend  blind zu vertrauen. Dieser Ruf ist ganz leise im Laut, aber er führt uns zu allem. Zu unserer perfekten Berufung, zu unserem perfekten Partner, zu unserem perfekten Zuhause. Jeden einzelnen ganz individuell. Ohne unser Zutun. Einfach nur dann, wenn die Zeit dafür gekommen ist. L A U S C H E und vor allem V E R T R A U E !

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