Das «Herzensehen»

Ganzheitliche Psychosoziale Beratung Sara Vercellone - Blog Das «Herzensehen»
Ganzheitliche Psychosoziale Beratung Sara Vercellone - Blog Das «Herzensehen»

Heute teile ich mit euch etwas aus meinem Arbeitsalltag in der Sozialpsychiatrie und appelliere damit an eure Menschenliebe und Toleranz gegenüber der Andersartigkeit. «Wir wurden in diese Welt gesetzt, ohne gefragt zu werden. Und dann geben dir jene, die das veranlasst haben, ein Leben lang das Gefühl, dass es ein Fehler war, dich in diese Welt zu setzen. Dass du gar nicht willkommen bist. Du trägst ihre Sorgen aus, obwohl du absolut nichts dafür kannst. Wirklich los wirst du das nie. Genauso wenig wie deine Bemühungen, so zu sein, wie sie dich haben wollen. In der Hoffnung nach ein bisschen Anerkennung und Liebe. Selbst wenn sie tot sind, kannst du nicht damit aufhören. Du vermisst sie, vermisst das, was sie dir nie geben konnten. Und du verkennst dich selbst, immer und immer wieder. Wer bin ICH eigentlich? Das tut einfach nur weh im Herzen, und das ist das, was so unglaublich krankmachend ist.» 

 

Wir neigen zum Wegschauen bei psychisch auffälligen Menschen. Wie geht es dir nun aber nach diesem kurzen Hinschauen? Kannst du Empathie empfinden für diesen Mensch und den kleinen Ausschnitt seiner Geschichte? Ich wette, du kannst. Es ist mir ein grosses Anliegen, an dieser Stelle zu betonen, dass ausnahmslos JEDER Mensch seine ganz eigene Geschichte hat. Manche werden daraus krank. Niemals aber ist der Mensch die Krankheit, sie ist lediglich ein Teil von ihm, so wie die gesunden Anteile auch. Sehen und gesehen werden. Ein Bedürfnis, welche alle in sich tragen. Auch, oder eben gerade jene Menschen, die oftmals viel zu lange nicht gesehen wurden. Dieses Bedürfnis hat nichts mit dem zu tun, was wir durch etwaiges Verhalten zu sein scheinen oder mit dem, was wir meinen, sein zu müssen. Es geht um das, was wir tief in unserem Inneren sind, um unseren wahren Kern. Um diesen in einem anderen Menschen zu erkennen, müssen wir mit dem Herzen sehen. Dafür benötigen wir insbesondere Liebe und Toleranz, aber gerade auch bei geschlagenen Herzen ein besonders feines Gespür und viel Geduld. Die vergangenen gut zwei Jahre haben mich gelehrt, dass sich das «Herzensehen» bei ausnahmslos allen Menschen auszahlt. Irgendwann kommt immer unendlich viel zurück. 

 

Kurz nach genanntem Wortlaut besuchte uns eine Mücke. Offenbar hat sie den Winter bisher überlebt. Ich bin überzeugt, dass Gott in allen möglichen Formen, Begegnungen, Momenten und Lebewesen auftaucht. Besagte Person lächelte gutmütig: «Gsehsch... und wenn nur en Muggä bisch, bisch au Öpper». Eine Feststellung, die uns doch daran erinnert, dass jedes Lebewesen auf dieser Welt einen wichtigen Platz hat. Egal in welcher Form eine Seele sich niederlässt - sie ist wichtig. Manchmal frage ich mich, ob eben genau die, welche von uns als komisch und verrückt abgestempelt werden, eigentlich die sind, die die wichtigsten Botschaften für uns haben. Das Leben ist nicht schwarzweiss, es ist voller Farben. Dieselben Farben beflügeln unsere Seelen. Jede Einzelne hat ihre ganz eigene Farbpalette, und wenn wir wirklich sehen und gesehen werden, entsteht eine nahezu magische Regenbogenbrücke zwischen Zweien. Die eigenen Farben vermischen sich mit jenen des Anderen. In dieser Kraft bestärken wir uns automatisch darin, unser jeweils allerbestes Ich zu leben. Das ist pure Liebe; die tiefste Form zwischenmenschlicher Berührung. Um diese universelle Kraft zu erleben, müssen wir allerdings schon auch dazu bereit sein. Unsere Aufgabe besteht also nicht darin, die Liebe zu suchen, sondern in uns alle Schranken zu finden, die wir gegen sie aufgerichtet haben. Wir sitzen diesbezüglich ausnahmslos alle im selben Boot.

 

Ich wünsche mir für dich, dass du weisst, wie wunderschön es ist, wirklich gesehen zu werden. Glaube mir; es ist auch grandios, wirklich zu sehen. Nicht nur die eigenen Farben, sondern auch jene aller Anderen. Eine Fähigkeit, die mich persönlich dazu privilegiert, erfolgreich zu sein. Gerne schaue ich mir auch deine Farben an, und unterstütze dich im «Herzensehen». Ergründe deine schönsten Farben, lerne sie durch deine Selbstbekenntnis zu offenbaren, und entdecke jene der Anderen. Bedingungslos. Voller Liebe, Toleranz, feinem Gespür und viel Geduld. Gegenüber dir selbst, und jedem Lebewesen, dem du begegnest. Wenn dir das gelingt, so verspreche ich dir, öffnet der Horizont seine Grenzen.

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