Das Wenn und Aber

Ganzheitliche Psychosoziale Beratung Sara Vercellone - Blog Das Wenn und Aber
Ganzheitliche Psychosoziale Beratung Sara Vercellone - Blog Das Wenn und Aber

Früher, als ich klein war, hatte ich eine klare Vision: anfangs 20 ziehe ich von Zuhause aus und stehe auf eigenen Beinen. Dann lerne ich meinen Mr. Right kennen und wir bauen ein Haus nach unseren Wünschen. Dort wohnen wir dann mit unseren Tieren. Mitte 20 heiraten wir, spätestens wenn ich 30 bin, kommt das erste von ganz sicher zwei Kindern auf die Welt. Es war für mich völlig selbstverständlich, dass es genau so sein wird. Ich hatte keine Zweifel. Über Jahre glaubte ich, dass das Leben machbar, planbar und bestimmbar ist - in allem und bis ins Letzte. Mit dem Älterwerden begann ich zu verstehen, dass das alles nicht so einfach ist, wie mein Kind-Ich dachte. Vom Elternhaus ausgezogen bin ich mit 24, stand derweil noch nicht wirklich auf eigenen Beinen. Mittlerweile bin ich 30, alleinstehend, wohnhaft in einer Mietwohnung, wie eh und je. Immerhin fast ununterbrochen mit Tieren. Das Eigenheim, Mr. Right, und mit ihm auch die Kinder, sind ausser Reichweite. Die biologische Uhr tickt. Und es ist okay, irgendwie. Aber eben irgendwie nur irgendwie.

 

Längst nicht nur mir geht es so. Dass sich so viele Menschen im Laufe der Zeit von dieser Kindheitsvision wegentwickelt haben, liegt, so glaube ich, grösstenteils an den hohen Werten und grundlegenden Haltungen meiner Generation in Sachen Individualität, Selbstbestimmung, Freiheit, und Unverbindlichkeit. Ich gehöre ganz klar auch zu den Menschen, die diese vertreten, und rechtfertige mein Glücklichsein im Singledasein mit ihnen. Eine Beziehung, nur dass ich eine Beziehung habe, das brauche ich nicht mehr. Wahrlich. Auch weiss ich nicht, ob ich eines Tages wirklich bereit sein werde für Kinder, denn sie bedeuten letztlich auch das komplette Aufgeben jener Werte. Dennoch tragen wir alle diese Hoffnung in uns, irgendwann diesem einen Menschen zu begegnen, der unsere Ursehnsucht nach trauter Zweisamkeit stillt. In dieser Hoffnung wohnt denn auch das Vielleicht, durch diese Liebe eines Tages den Wunsch zu verspüren, aus zwei Herzen eines entstehen zu lassen. Hin und wieder ist jene Hoffnung mit dem Vielleicht stärker als das Festhalten an unserer Unabhängigkeit.

 

Dann werden wir wachgerüttelt, beginnen über unsere eigenen Anteile für diesen Zustand zu reflektieren, und stellen nicht selten fest, dass uns unsere übersteigerte Unabhängigkeit emotional isoliert hat. Vielleicht wird uns auch bewusst, dass wir viel zu lange alles Mögliche getan haben, um nur angefasst, aber nicht berührt zu werden. Um uns nicht mit unseren Ängsten konfrontieren zu müssen, nicht verletzt zu werden, uns unsere Werte und Haltungen sicher zu bewahren. Das ist schmerzend und heilend zugleich. Die Erkenntnis nicht so sein zu wollen, erleichtert uns, erweicht uns, lässt uns gütiger mit uns sein. Schluss mit diesem zwanghaften Festhalten an unseren Werten und Haltungen. Wir nehmen das Risiko in Kauf, wieder verletzt zu werden, bekennen uns zu unserer Verwundbarkeit, um all das endlich zu erleben. Leben, es ist so weit, wir sind bereit! Aber dann stellen wir fest, dass sich etwas sehr Grundlegendes mitverändert hat in all der Zeit: wir.

 

Trotz frontaler Konfrontation mit unseren Abgründen, Aufarbeitung von Erfahrenem, Pflegen von Narben mit resultierender Bereitschaft diese übersteigerte Unabhängigkeit niederzulegen: emotionale Berührung geschieht nicht mehr einfach so. Durch unsere Prozesse sind wir auch näher bei uns selbst angekommen, und das ist gut. Verlieben per Express mit Zufallstreffer ist nicht mehr. Jemand, dessen Herz mit denselben Farben umhüllt ist wie das unsere, müsste es sein. Jemand, der die Tiefe unsere Seele sieht, so richtig, und wir die seine. Wir wollen Nachhausekommen in einem anderen Herzen. Dann, ja dann, aber nur dann, würden wir uns voll und ganz hingeben. Eine Bereitschaft zur Hingabe mit ganz vielen Wenn und Aber, sowie einigen Fragezeichen, ob wir es dann tatsächlich könnten. Wie dem auch sei, setzt uns das alles diesen Menschen noch längst nicht einfach vor die Nase. Täte es das doch gnädigerweise irgendwann, wer sagt uns dann, dass es dann nicht zu spät ist für Kinder, einer von beiden entschlossen keine will oder keine bekommen kann? Nichts und niemand.

 

So sind Kinder doch irgendwie auch die Erfahrung, dass wir über das Leben nicht verfügen können. Auch nicht in dieser Welt voller Möglichkeiten. Bei dieser Erkenntnis reichen sich Angst und Beruhigung die Hand. Das Einzige, was wir tun können, ist zunächst einmal in uns alle Schranken zu finden, die wir gegen unsere Ursehnsucht, die Liebe, aufgebaut haben. Sie dann und wann zu überwinden. Währenddessen dem Leben in Demut zu begegnen, in einem gewissen Urvertrauen, dass alles kommt, wie es kommen muss. Ob mit oder ohne Pendant, mit oder ohne Kinder. Das Leben hat seine Pläne mit uns, auch wenn sie vielleicht nicht jenen entsprechen, die wir selbst einmal hatten. Und irgendwann, davon bin ich überzeugt, verstehen wir seine Absichten. Immer. Trotzdem höre ich niemals auf zu hoffen, dass wir eines Tages gemeinsam über unsere jetzigen Zweifel lachen, Mr. Right. Hoffen darf man, soll man, muss man; dass wir es dann eifach können, bedingungslos, ohne Wenn und Aber. Einssein, während du mir mein Ich lässt, so wie ich dir dein Du lasse. Und wer weiss, vielleicht werden wir Kinder haben, du und ich. Kinder, die ihre ganz eigenen Visionen entwickeln. Vermutlich würden sie ähnlich sein, wie die Unseren damals. Entsprungen aus purer Liebe, als es noch kein Wenn und Aber gab. Gott bewahre sie.

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